Projekt „Starkes Miteinander“: Austausch gibt pflegenden Angehörigen die Kraft zurück
Korbach „Starkes Miteinander“ heißt das Korbacher Modellprojekt für pflegende Angehörige, das im vergangenen Jahr gestartet ist. Jetzt zeigt sich: Der monatliche Austausch bei den „Miteinander Tagen“ gibt vielen Kraft zurück – für manche war es der erste Ausbruch aus jahrelanger Isolation.
Das Gefühl, in der häuslichen Pflege das eigene Leben komplett aufzugeben, ist eine extreme Belastung: Fast die Hälfte aller pflegenden Angehörigen fühlt sich einer bundesweiten VdK-Studie zufolge so erschöpft, dass sie im Alltag kaum noch durchatmen kann. Im Haus am Nordwall in Korbach setzt das Modellprojekt „Starkes Miteinander“ genau dort an. Mit rund 80.000 Euro vom Land Hessen gefördert, soll es pflegenden Angehörigen mit Schulungen und ehrenamtlichen Besuchspaten unter die Arme greifen – seit März laufen nun die „Miteinander Tage“, das Herzstück des Projekts.
Einmal im Monat, in der Regel an einem Samstag, kommen pflegende Angehörige zusammen: Fachleute geben in kurzen Vorträgen Impulse zu Themen wie „Kleine Freiräume schaffen im Alltag“ oder „Was tun, wenn die Kräfte schwinden und die Seele Hilfe braucht?“. Auch wird gemeinsam zu Mittag gegessen. Die zu pflegenden Angehörigen werden in dieser Zeit in der Tagespflege betreut. „Ziel ist, die pflegenden Angehörigen zu stärken, damit sie selbst gesund bleiben und weiter gut pflegen können“, sagt Einrichtungsleiterin Ribana Klabunde.
Wie groß die Not sein kann, zeigt die Geschichte einer Teilnehmerin, die ihren an Demenz erkrankten Mann zu Hause pflegt. In den ersten beiden Jahren habe sie das Haus praktisch nicht verlassen können, rund um die Uhr sei sie für ihren Mann da gewesen. Einmal, als sie kurz in der Stadt war, kam sie zurück und fand Feuerwehr und Polizei vor der Tür – ihr Mann hatte laut nach Hilfe gerufen, ein Passant hatte die 110 gewählt. Heute besucht ihr Mann regelmäßig die Tagespflege, dazu kommen die „Miteinander Tage“. „Vor allem der Austausch tut mir gut“, sagt sie.
Eine andere Teilnehmerin, die ebenfalls ihren Mann pflegt, formuliert es ähnlich: „Ich freue mich immer drauf. Es tut mir gut, ich kann mich in einem geschützten Raum austauschen. Ich sehe, dass ich nicht allein dieses Päckchen trage, es geht auch anderen so.“
Neben den „Miteinander Tagen“ ruht das Projekt auf einer zweiten Säule: den Besuchspaten, die schon bei der Vorstellung des Projekts angekündigt worden waren. Elke Scheurer ist die erste Ehrenamtliche in dieser Rolle. Sie besucht pflegende Familien, leistet Gesellschaft und verschafft den Angehörigen kleine Freiräume, damit sie auch mal kurz das Haus verlassen können. Zwei bis drei Stunden pro Woche investiert sie – eine Grenze, die sie sich selbst gesetzt hat. „Kontinuität ist mir wichtig“, sagt Scheurer. „Mir schlägt dafür aber auch viel Dankbarkeit entgegen.“
Die frühere Pflegekraft im Stadtkrankenhaus ist im März in den Ruhestand gegangen. „Ich hätte es schade gefunden, wenn meine Erfahrung einfach so verpufft“, sagt sie. Heute schenkt sie ihre Zeit einem älteren Ehepaar, bei dem der Mann pflegebedürftig ist. „Mal lesen wir uns etwas vor, mal drehen wir eine Runde im Garten.“ Pflegerische Aufgaben übernimmt sie ausdrücklich nicht – darum geht es bei den Besuchspaten auch nicht. Es geht um Gesellschaft, Zuwendung und Lebensfreude.
Informationen rund ums Projekt „Starkes Miteinander“ für Angehörige und Ehrenamtliche gibt es beim Haus am Nordwall, Tel. 05631/5065-400, info@starkes-miteinander.de, Internet: starkes-miteinander.de.
Von Lutz Benseler
Foto: Martin Wagner/IMAGO

